Integration im Sport: Die Folgen des Falls Mesut Özil für den Heimatfußball

Der Hauptbestandteil des Stammtisches (v.l.n.r.): Dirk Schulz (BZ), Tim Aldenhövel (Handballtrainer TuS Aumühle-Wohltorf), Ali Demirhan (Politiker, Die Grünen), Carsten Byernetzki (HFV-Pressesprecher) und Olaf Lüttke (BZ). Foto: BOLZJUNGS

Nur zwei Tage vor dem zweiten „bz-Fußball-Stammtisch“ der Bergedorfer Zeitung reagierten die Sportredakteure Dirk Schulz und Olaf Lüttke auf die aktuellen Geschehnisse im Profifußball. „Ich kam aus meinem Griechenland-Urlaub zurück und mich traf hier diese große Diskussion im Fall des Rücktrittes von Mesut Özil“, berichtete Lüttke den rund 50 Pressevertretern im Vereinsheim des SV Curslack-Neuengamme eingehend. Und so wurde das eigentliche Thema des Abends, „Vereinstreue – zählt das heute noch?“ (Veranstalter: „Dieses Thema ist immer relevant und aktuell.“) erst einmal verworfen und die Integration im Fußball in den Vordergrund gestellt. Auf die kurzfristige Absage von dem ehemaligen SVCN-Trainer Thorsten Henke, der nach seinen 16 Jahren Amtszeit für das ursprüngliche Thema der perfekte Ehrengast gewesen wäre, wurde schnell reagiert und mit dem Grünen-Politiker Ali Demirhan ein für die Integrations-Diskussion optimaler Gesprächspartner gefunden.

Denn der Geesthachter hat, wie Özil, türkische Wurzeln. Demirhan kritisierte: „Bei dem Spieler fehlt die Selbstreflexion. Der türkische Präsident Erdogan hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem Diktator entwickelt!“ Mit dem HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki sah ein weiterer Ehrengast des Stammtisches die Schuld bei Anderen: „90% der Aussagen stammen von Özils Beratern. Der Spieler wurde von ihnen gesteuert.“ Der dritte geladene Vertreter ist statt im Fußball im Handball zuhause. Tim Aldenhövel, Spielertrainer der zweiten und dritten Herren des TuS Aumühle-Wohltorf, verfolgte die Debatte um Özil zwar, sah aber keine direkte Verbindung zu seiner Sportart. „Dieses Problem betrifft uns nicht wirklich, da nur Wenige in den südlichen Regionen den Handballsport ausüben. Uns betrifft dies eher in Verbindung mit Akteuren aus Ländern wie Serbien oder Kroatien“, berichtete Aldenhövel.

Erdinc Özer: „Mein Spitzname ‚Schoko‘ ist so ein Beispiel, wie man mit diesem Thema umgehen sollte.“

Doch nicht nur die drei Diskussions-Ehrengäste durften sich zu dem Thema äußern, auch unter den anwesenden Vereinsvertretern entstand eine rege Diskussion. „Özil hätte sich, wie Ilkay Gündogan, äußern müssen!“, kritisierte Hanno Stengel, Sportlicher Leiter des FC Voran Ohe, ehe Escheburgs Fußball-Abteilungsleiter Martin Böttcher folgte und den Deutschen Fußball-Bund in den Mittelpunkt stellte: „Der DFB hätte Özil zu einem Statement auffordern müssen.“ Siegfried Niemand, Abteilungsleiter des SC Vier- und Marschlande, ging sogar noch ein Stück weiter und betonte, dass der DFB den Spieler gar nicht erst hätte mitnehmen dürfen.

Erdinc „Schoko“ Özer (Archivfoto).

Regen Applaus von den Anwesenden gab es erstmals, als sich der 83-jährige Liebhaber des Modernen Fünfkampfes, Klaus Köpke, von seinem Stuhl erhob und konkret wurde: „Leute, schiebt diesen Fall runter! Da ist ein 30-jähriger Mensch, der im Jahr 15 Millionen Euro kriegt. So viel habe ich in meinem ganzen Leben nicht verdient. Özil hat über das Ziel hinaus geschossen. Ihr Heimatgebiet-Sportler solltet euch den Fußball nicht von einem solchen Typen kaputt machen lassen!“ Den Bezug zum Sport im Heimatgebiet suchte auch Hamwardes Trainer Erdinc Özer. „Wir sprechen in der Kabine Deutsch, dann fühlen sich die Neuen schnell integriert. Mein Spitzname ‚Schoko‘ ist so ein Beispiel, wie man mit diesem Thema umgehen sollte. 90% der hier anwesenden Vertreter kennen nicht einmal meinen richtigen Namen“, sagte Özer, der die Nationalspieler in die Pflicht nahm: „Wer dort steht, hat die Nationalhymne zu singen. Mein Direktor hat uns damals in der Schule dazu gezwungen, die Hymne zu lernen. Wer sie nicht konnte, musste zur Musiklehrerin und sie dort einstudieren.“

Ob diese heiß diskutierte Debatte, die inzwischen auch in der großen Politik angekommen ist, der Bewerbung für die Europameisterschaft 2024 – die Türkei ist der einzige Konkurrent – schaden wird, wie Ohes Fußball-Abteilungsleiter Peter Bahr besorgt zu Wort gab, oder gar den kleinen Vereinen „um die Ohren fliegen wird“ (Özer), bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass die Integration auf der kleinen Amateurfußball-Ebene nur über die Trainer und Offiziellen funktioniert, wie auch Handballtrainer Tim Aldenhövel abschließend betonte: „Ich schmeiße Spieler aus der Mannschaft, wenn sie Beleidigen oder rassistische Äußerungen tätigen!“