Vicky mit Sieg in Dassendorf, aber ohne künftigen TuS-Trainer Jean-Pierre Richter an der Linie

Dassendorfs Rinik Carolus spielt den Ball in Richtung seiner Mitspieler. Foto: BOLZJUNGS

TuS Dassendorf – SC Victoria Hamburg 0:1 (0:1)
Oberliga Hamburg, 19. Spieltag (Sa., 01.12.18, 13.00 Uhr)

Eigentlich sollte Jean-Pierre Richter einen der beiden Trainerplätze im Pressekonferenz-Raum an der Sportanlage am Dassendorfer Wendelweg einnehmen. Doch der jetzige Coach des SC Victoria Hamburg und künftige Übungsleiter der TuS Dassendorf blieb der Oberliga-Partie kurzfristig fern. Über die Gründe wird spekuliert, doch schon länger ist bekannt, dass es bei Vicky hinter den Kulissen mächtig rumort. Für „JPR“ nahm Co-Trainer Benjamin Kruk den Platz an der Seitenlinie und auf der Pressekonferenz ein – und meisterte seine Aufgaben mit Bravur. Seine Mannschaft von der Hoheluft gewann beim Oberliga-Serienmeister verdient mit 1:0 und Kruk stand den Pressevertretern bei der „PK“ mit einer Ruhe, wie sie bei einer solchen Situation nicht unbedingt zu erwarten ist, Rede und Antwort.

„Ich habe erst heute Morgen davon erfahren, dass ich Cheftrainer sein werde. Von da an lag der Fokus komplett auf dem Spiel. Ich habe ‚Jonny‘ (Jean-Pierre Richter, d. Red.) in der Vergangenheit ja schon manchmal vertreten – und das sogar recht erfolgreich. Da habe ich heute auch nochmal Witze drüber gemacht. Ich habe die volle Rückendeckung von ‚Jonny‘ bekommen und er weiß auch, dass wir da eine Sprache sprechen. Ich brauche nicht betonen, dass das hier nicht mein Spiel ist, sondern das Spiel von Victoria, der Mannschaft. Und da zähle ich auch ‚Jonny‘ nach wie vor voll dazu“, stellte Kruk nach dem 1:0-Erfolg klar. „Es hat sehr gut geklappt, die Jungs haben das heute super gemacht.“

Victoria spielbestimmend, Möller vergibt einzige nennenswerte TuS-Gelegenheit

Jean-Pierre Richter. Foto: Bode

Bei einem Blick auf den Spielbericht fiel auf: Auf Seiten des SCV blieb dort, wo eigentlich der Trainername hingehört, das Feld frei. Auf der anderen Seite fehlten zahlreiche wichtige Stützen. Zu den langzeitverletzten Joe Warmbier und Finn Thomas gesellten sich auch Pascal Nägele (Arbeitsunfall), Linus Büchler (beruflich verhindert), Henrik Dettmann (Nackenprobleme) und der angeschlagene Amando Aust, der nach 73 Minuten dann aber doch noch ins Spiel gekommen war. Und so nutzten die Gäste von der Hoheluft von Beginn an die Personalprobleme auf der Gegenseite. Vicky-Stürmer Bibie Njie kam zur ersten Gelegenheit des Spiels, scheiterte jedoch an TuS-Keeper Christian Gruhne (3.). Dennis Bergmann blieb mit seinem Schussversuch nach einem schönen Pass von Njie ebenfalls erfolglos. Der „Zehner“ traf den Ball nicht richtig (10.).

Besser machte es da Victorias Kapitän Len Strömer in Minute 21. Der 27-Jährige lief TuS-Verteidiger Danijel Suntic davon und schob zur 1:0-Führung ein. Ein Zeichen, dass die Vicky-Truppe weiterhin zusammenhält, war der gemeinsame Torjubel aller Spieler an der Eckfahne. In der Folge tauschten Suntic und Marcel Lenz ihre Positionen in der Dassendorfer Dreierkette – Lenz übernahm den zentralen, Suntic den rechten Part – und die TuS kam vor 142 Zuschauern zu ihrer ersten und besten Chance im letzten Saisonspiel im Kalenderjahr 2018. Sven Möller fasste sich aus rund 15 Metern ein Herz, schoss hart, doch Victorias Yannick Petzschke klärte mit dem Kopf auf der Linie und dürfte nach dem Hammer wohl immer noch Nachwirkungen von der Rettungstat haben (28.). Dass bei den Gastgebern nicht alles rund lief, zeigte sich kurz nach dem Gegentreffer in der Reaktion vom „Sechser“ Mark Hinze, der nach einem langen Ball ins Seitenaus entnervt mit den Händen auf den Boden haute (31.). Bis auf eine Schusschance durch Vicky Nil von Appen in Minute 37 sollte vor dem Halbzeitpfiff nichts mehr geschehen.

Die Gäste-Kette macht die Schotten dicht und vermiest „Dasse“ die Weihnachtsfeier

Bevor Schiedsrichter Björn Krüger (SV Börnsen) zur zweiten Halbzeit bat, versammelten sich die Kicker des SCV noch einmal gemeinsam auf dem Spielfeld zu einem großen Kreis und schworen sich ein – mit Erfolg. Hinten sollte in den zweiten 45 Minuten nichts mehr anbrennen, vorne vergab Torschütze Strömer eine Gelegenheit zum Doppelpack (56.). Es war ein souveräner Auftritt der Gäste, die sich dann kurz vor Abpfiff noch einmal unsportlich zeigten. Ein Auswechselspieler warf während eines Tempolaufs der TuS-Spieler mit dem Ball in Richtung Vicky-Gehäuse von der Bank aus einen zweiten Ball aufs Spielfeld. Beinahe wären sie für diese unsportliche Aktion in der Nachspielzeit noch mit einem Eigentor vom eingewechselten Joshua Freude bestraft worden. Doch Torwart Dennis Lohmann konnte den Sieg festhalten (91.).

Coachte Vicky: Co-Trainer Benjamin Kruk. Foto: BOLZJUNGS

Die Freude bei Vicky war enorm groß, die Last der Diskussionen um die Geschehnisse bezüglich der Personalie Jean-Pierre Richter konnten für einen kurzen Moment ausgeblendet werden. „Ich bin unfassbar stolz auf die Truppe. Ich habe zu der Mannschaft vor der Partie gesagt, dass sie sich glaube ich gar nicht bewusst sind, wie viel Charakter eigentlich in dieser Mannschaft steckt. In den letzten neun Spielen ist das hier heute der achte Sieg. Und diese Serie ging tatsächlich los, als es unruhig wurde. Uns hat das alles nicht interessiert. In dem Moment, wo wir aufs Feld gehen, ist das sowieso alles vergessen und dann zählt nur das auf dem Platz. Ich finde, dass wir verdient gewonnen haben“, sagte Aushilfs-Chefcoach Kruk, der allerdings noch nicht weiß, ob er auch beim Pokalspiel beim Landesligisten Dersimspor (Sonnabend, 15 Uhr, Kapellenweg 111) der „Chef“ an der Seitenlinie sein wird. „Das muss man abwarten. Aus Respekt ‚Jonny‘ gegenüber will ich da jetzt gar nicht viel zu sagen. So wie es kommt, kommt’s. Ich kann nur sagen, dass wir auch da wieder eine schlagfertige Truppe auf den Platz bringen werden.“

Während sie beim SC Victoria jubeln, gehen die TuS-Kicker und -Verantwortlichen mit getrübter Stimmung zur heutigen Weihnachtsfeier in der Schönningstedter Mühle. „Glückwunsch an Victoria zum verdienten Sieg. Ich glaube, dass wir nicht gut ins Spiel gekommen sind und nicht so organisiert in der Defensive waren. Personell mussten wir zudem extrem umstellen. Ich glaube, das hat man in der Abstimmung gemerkt. Das hat Victoria dann gut ausgenutzt“, analysierte Dassendorfs Trainer Elard Ostermann gewohnt sachlich. Auch die TuS hat noch das Pokal-Achtelfinale vor der Brust. Dann kommt kein geringerer als der Oberliga-Konkurrent TSV Sasel an den Wendelweg (Sonnabend, 13 Uhr).

TuS: Gruhne; Lenz, Suntic (73. Aust), Carolus; Kurczynski, Hinze, Louca (73. Saqib), Dittrich; Möller, Maggio; von Walsleben-Schied
SCV: Lohmann; Komlan, Siemsen, Petzschke; Borck (82. Freude), Stegmann, von Appen, Kämpfer; Bergmann, Njie (77. Ernst), Strömer (69. Segedi)