50 Jahre lang TSV Glinde: Ehrenmitglied Frank Gabbert im Interview – „Ich bin anscheinend kein Wechseltyp.“

Fühlt sich wohl auf seiner Sportanlage: TSV-Abteilungsleiter Frank Gabbert auf dem Glinder Kunstrasenplatz. Foto: TSV Glinde

Im Amateurfußball ist es gang und gäbe, dass Breitensportvereine von besonderen Personen leben, die sich Tag und Nacht für ihren Verein ins Zeug leg – so auch beim TSV Glinde. Eine von diesen Persönlichkeiten ist Frank Gabbert. Der 58-Jährige ist seit dem 1. Mai 1969 Vereinsmitglied und hat mit den Stormarnern so ziemlich alles erlebt. Erst als aktiver Spieler und seit 2006 als Fußball-Abteilungsleiter. Sein zweifelsohne größtes Projekt war der Bau eines nagelneuen Kunstrasenplatzes auf der Glinder Sportanlage, auf dem die Teams des Vereins seit Juni 2015 spielen. Am 1. Mai diesen Jahres kam es für Gabbert, der neben seiner Tätigkeit als Abteilungsleiter auch selbst bei den Supersenioren (Ü55) des TSV spielt, zu einem weiteren sehr besonderen Moment: Auf den Tag genau vor 50 Jahren trat der Betriebsprüfer beim Hamburger Finanzamt beim TSV Glinde ein. Nun wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Ein guter Zeitpunkt, um mit dem Vereinsoffiziellen, der gegenüber der Glinder Sportanlage wohnt, über Vereinstreue, die Entwicklungen im Hamburger Amateurfußball, das Thema Geld in unteren Ligen und seinen TSV Glinde zu sprechen.

Frank Gabbert als Jugendspieler in seinem ersten Spiel am Ball. Foto: Privat

BOLZJUNGS: Hallo Frank, 50 Jahre bei ein und demselben Verein – heutzutage eigentlich undenkbar. Wie hast du das geschafft?
Frank Gabbert: Ich bin anscheinend kein Wechseltyp und auch sonst im Leben beständig. (schmunzelt) Ich bin seit mehr als 42 Jahren bei demselben Arbeitgeber beschäftigt und fast 40 Jahre mit meiner tollen Frau verheiratet.
BOLZJUNGS: Was ist für dich das besondere am TSV Glinde?
Gabbert: Das Engagement der Ehrenamtlichen ist schon außergewöhnlich beim TSV. Ich denke da an unsere Jugendtrainer und Betreuer in allen Mannschaften und an ganz besondere Menschen in der Fußballabteilung, die sich immer besonders eingebracht haben. Ich könnte da spontan mehr als ein Dutzend Namen nennen, die die Fußballabteilung geprägt haben und die ich in den 50 Jahren beim TSV kennen und schätzen gelernt habe.
BOLZJUNGS: Was bedeuten die Werte Vereinstreue, Vertrauen und Gemeinschaft für dich?
Gabbert: Vereinstreue ist ein Zeichen dafür, dass man sich im Umfeld des Vereins und in der Gemeinschaft wohl fühlt und vertrauensvoll miteinander umgeht. Das bedeutet  mir persönlich sehr viel.
BOLZJUNGS: Ist so eine lange Vereinstreue bei Spielern im Amateurfußball heute noch vorstellbar?
Gabbert: Ja, aber es wird eher die Ausnahme als die Regel sein und die Tendenz geht in eine andere Richtung.
BOLZJUNGS: Du hast jahrelang selbst aktiv im Hamburger Amateurfußball gespielt. Wenn du auf deine aktive Zeit zurückblickst, wie war die Gemeinschaft unter den Spielern und das Verhältnis zu anderen Vereinen?
Gabbert: Wir hatten damals nicht so viele Freizeitangebote und ich hatte das Glück, immer in Mannschaften zu spielen, wo viel gemeinsam – auch außerhalb des Fußballplatzes – unternommen wurde. Es gab auch zu meiner aktiven Zeit freundschaftliche Kontakte und Rivalität unter den Vereinen. Wenn ich an unsere beiden Ligamannschaften denke, dann ist eine tolle Gemeinschaft auch heute in Leistungsmannschaften möglich. Letztendlich sind doch immer die Menschen entscheidend.
BOLZJUNGS: Nach deiner aktiven Zeit bist du dem Amateurfußball als Offizieller beim TSV erhalten geblieben. Wie bewertest du den Hamburger Amateurfußball heute – im Vergleich zu früher?
Gabbert: Der Amateurfußball hat sich immer weiterentwickelt und ist ein Spiegelbild der Gesellschaft mit all seinen schönen und schlechten Seiten – wobei nach meinem Empfinden immer noch die guten Seiten überwiegen. Deshalb bin ich auch, als sogenannter Offizieller, dem Amateurfußball verbunden geblieben.
BOLZJUNGS: Du sprichst die guten Seiten an. Aber auch Rassismus, Beleidigungen, Gewalt und Spielabbrüche gehören heutzutage zum Amateurfußball dazu. Wie siehst du die Entwicklungen?
Gabbert: Die negative Entwicklung, die zweifellos vorhanden ist, gefällt mir gar nicht. Wir alle müssen gegen diese Vorkommnisse einschreiten – egal ob auf oder neben dem Fußballplatz. Ich bin auch als Schiedsrichter aktiv und da mache ich mir schon Sorgen, wie Zuschauer, Trainer und Spieler manchmal verbal oder noch extremer reagieren.
BOLZJUNGS: Immer mehr Amateurvereine – auch in unteren Ligen – nehmen Geld in die Hand, um möglichst erfolgreich zu sein. Ist der Amateurfußball auf dem besten Weg, seinen eigentlichen Charakter zu verlieren?
Gabbert: Es gab auch zu meiner aktiven Zeit in den 80er Jahren schon Spieler, die in unteren Ligen, wie in der Bezirksliga, ein paar Mark auf die Hand bekommen haben. Ich hatte auch mal so ein Angebot zum Vereinswechsel, aber für mich war der Fußball „nur“ ein Hobby und die Gemeinschaft war mir deutlich wichtiger. Geld konnte ich glücklicherweise im Beruf verdienen. Das muss aber jeder für sich entscheiden. Wenn das Geld da ist, kann ich es keinem verübeln, wenn er seinem Hobby nachgehen kann und auch noch ein paar Euro dafür bekommt. Es gibt aber genug Beispiele bei Vereinen in der Umgebung, die zeigen, dass das nicht immer der richtige Weg ist.

„Wer Geld mit Fußball verdienen will, muss sich aber einen anderen Verein suchen.“

50 Jahre TSV Glinde: Frank Gabbert wurde am 01. Mai zum Ehrenmitglied ernannt. Foto: Privat

BOLZJUNGS: Wie zum Beispiel den SC Wentorf, der immer betont, dass es keine Kohle fürs Kicken gibt. Wie handhabt ihr das beim TSV Glinde?
Gabbert: Unser Etat wird im Wesentlichen durch Mitgliedsbeiträge finanziert, aber ohne die Unterstützung von Sponsoren, Werbepartnern und dem Förderverein ist der Spielbetrieb der ersten und zweiten Herren nicht zu finanzieren. Mit Mitgliedsbeiträgen von 20 bis 25 Euro im Monat und bei durchschnittlich 50 Zuschauern ist das Ganze jedenfalls nicht zu finanzieren. Es wundert mich manchmal, wie naiv da der eine oder andere Spieler oder Trainer ist. Man muss kein Rechengenie sein, um zu überblicken, dass ein Bezirksliga-Verein normalerweise keine „Handgelder“ an Spieler zahlen kann – es sei denn, man hat finanzstarke Sponsoren im Hintergrund. Wir beim TSV müssen noch unseren Kunstrasenplatz abbezahlen, denn anders als andere Vereine haben wir keine städtische, sondern eine vereinseigene Sportanlage. Das macht einen großen und entscheidenden Unterschied bei den Finanzen aus. Unsere Ligafußballer haben aber eine sehr gute Sportanlage und viele nette weitere Annehmlichkeiten, beispielsweise was die Ausstattung mit Sportkleidung betrifft. Wer Geld mit Fußball verdienen will, muss sich aber einen anderen Verein suchen.
BOLZJUNGS: Zurück zu den Entwicklungen im Amateurfußball: Wenn du in die Glaskugel schauen würdest, wie sieht deine Idealvorstellung vom Hamburger Amateurfußball aus und wie weit ist der aktuelle Ist-Zustand von diesen Vorstellungen entfernt?
Gabbert: Ich denke, dass der Hamburger Fußball-Verband große Anstrengungen unternimmt, damit der Amateurfußball am Leben bleibt. Gerade rund um das Ehrenamt wurde in den vergangenen Jahren sehr viel getan mit zahlreichen Auszeichnungen und Veranstaltungen. Denn ohne die Ehrenamtlichen würde der Amateurfußball nicht funktionieren. Ich bin kein Phantast – und so kommt meine Idealvorstellung dem aktuellen Ist-Zustand schon sehr nahe.
BOLZJUNGS: Kommen wir auf die Eingangsfrage zurück: Seit 50 Jahren bist du beim TSV Glinde – wie viele Jahre wirst du das Amt des Abteilungsleiters noch bekleiden?
Gabbert: Das kommt sehr auf meine Mitglieder und Unterstützer im Verein an. Nur dann – so wie das aktuell der Fall ist – hat man auch Spaß an dieser nicht immer einfachen, aber sehr interessanten Aufgabe. Und da ich ja jetzt Ehrenmitglied bin, müssen meine Vereinskollegen lebenslang mit mir auskommen. (grinst)
BOLZJUNGS: Vielen Dank für das Gespräch, Frank! Wir wünschen dir und dem TSV Glinde alles Gute.