Jan Schönteich: „Der Treffer in der Nachspielzeit war der größte Adrenalinkick meines Lebens.“

Während TuS-Sportchef Jan Schönteich Siegtorschütze Kristof Kurczynski herzt, liegt Johann von Knebel (EN) enttäuscht am Boden. Foto: Herzog

Sven Möller hatte vor dem ODDSET-Pokalfinale zwischen dem FC Eintracht Norderstedt und seiner TuS Dassendorf (1:2) einen Wunsch. „Ich würde mich sehr freuen, wenn Henrik Dettmann zu den Torschützen gehören würde“, sagte der Spielmacher vier Tage vor dem Endspiels im Interview mit BOLZJUNGS , ehe er anfügte: „Ansonsten ist es bekanntlich egal, wer die Tore schießt – Hauptsache, wir gewinnen den Pott!“ Samstag, 25. Mai 2019, Stadion Hoheluft, Lokstedter Steindamm 87, 11:56 Uhr, 68. Spielminute: Langer Einwurf Pascal Nägele, Norderstedt kann den Ball nicht klären, Kerim Carolus macht das Spielgerät scharf, Henrik Dettmann setzt nach und befördert die Kugel zum umjubelten 1:1 in die Maschen. Der Rest ist bekannt: Der eingewechselte Kristof Kurczynski („Ich habe einfach drauf geschossen“) schießt die TuS in der dritten Minute der Nachspielzeit mit seinem 2:1-Siegtreffer zum erneuten Pokalsieg und damit zur erfolgreichen Titelverteidigung. Zurück zu „Benno“, wie Dassendorfs Nummer acht von seinen Teamkollegen gerufen wird: Als seine Mannschaftskollegen bereits einen Spalier für den geschlagenen Finalgegner bildeten, suchte Dettmann sein besonderes Erinnerungsstück: den Spielball. Schließlich gefunden und unter dem Sieger-Shirt versteckt, reihte sich auch der Mittelfeldspieler in den Spalier ein. Nach den Feierlichkeiten am Stadion des SC Victoria Hamburg kam Dettmann als einer der letzten aus der TuS-Kabine.

„Nach dem Tor von Norderstedt sind wir besser ins Spiel gekommen, gleichen verdient aus und machen in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer. Ein super Gefühl und ein verdienter Sieg für uns“, analysierte der 29-Jährige ganz nüchtern, als ob nichts passiert wäre. Doch angesprochen auf seinen Treffer konnte sich auch der ehemalige Spieler des Hamburger SV sein Schmunzeln nicht verkneifen. „‚Mölli‘ (TuS-Spieler Sven Möller, Anm. d. Red.) hatte ja bei euch im Interview gesagt, dass ich mal dran bin. Daran habe ich ehrlich gesagt erstmal nicht geglaubt. Dass ich dann tatsächlich treffe, ist umso besser. Da können wir uns bei ‚Mölli‘ bedanken, dann kann er in Zukunft vor den Spielen immer sagen, dass ich treffe. Ich treffe ja nicht so oft. Dass ich dann ausgerechnet heute treffe, freut mich umso mehr. Ein blindes Huhn findet auch mal einen Korn: Und dieses Mal war ich dran“, sagte „Benno“, ehe er sich höflich von allen verabschiedete und sich mit seinem Fahrrad vom Hofe machte. Ganz im Stile eines Pokalsiegers oder auch nicht? Sein guter Freund und „Orakel“ war zu diesem Zeitpunkt auch schon auf dem Heimweg. Doch zuvor konnte sich auch Sven Möller einen Kommentar zum Treffer vom Kumpel nicht verkneifen. „Solche Spiele sind prädestiniert dafür, dass Leute treffen, die viel im Hintergrund der Mannschaft arbeiten. Diese Rollen sind sehr, sehr wichtig und das sehen viele Leute auch nicht. ‚Benno‘ (TuS-Spieler Henrik Dettmann, Anm. d. Red.) ist so ein Spieler, der diese Löcher stopft für uns – so habe auch ich meine Freiheiten auf dem Feld. Das Tor macht er überragend. Das hat sich ‚Benno‘ mehr als verdient“, lobhudelte „Mölli“.

Co-Trainer Markus Walek wurde kurz vor dem Finale Vater – „Eine ganz besondere Geschichte.“

Auch bei Co-Trainer Markus Walek (li.) und Sportchef Jan Schönteich brachen nach dem 2:1 alle Dämme. Foto: herzog

Dass die Laune bei allen Dassendorfern an diesem Tag auf dem Höhepunkt war – dafür sorgten sie selbst in den vorangegangen 95 Minuten. „Für die Dassendorfer Geschichte kann man diese Geschichte nicht besser schreiben“, freute sich auch Coach Jean-Pierre Richter, der ausgerechnet an seiner alten Wirkungsstätte seinen ersten Pokalsieg feierte. Entsprechend emotional erlebte der Übungsleiter die Feierlichkeiten. „Jetzt kann alles kommen. Der erste Step war ganz klar, das Spiel zu gewinnen – diesen Titel kann uns keiner mehr nehmen. Ich bin sehr stolz darauf, das ist mein erster großer Titel als Trainer im Hamburger Amateurfußball“, sagte „JPR“ überglücklich, ehe er anschließend noch eine Anekdote erzählte. „Neben den ganzen personellen Wackelkandidaten hatten wir mit meinem Co-Trainer Marcus Walek das erfreuliche Glück, dass er in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Vater geworden ist. Für ihn natürlich eine ganz besondere Geschichte. So konnte er mir am Freitagabend das ‚Go‘ geben, dass er Samstagmorgen dabei sein kann. Das freut mich ganz speziell für ihn, denn so hatte er eine super erfolgreiche Woche: Vater geworden zu sein und Pokalsieger“, gab „Johnny“ mit strahlenden Augen zu Protokoll.

Strahlende Augen waren bei allen in blau gekleideten Spieler, Trainer, Betreuern, Fans und Verantwortlichen zu sehen – vor allem bei einem: Sportchef Jan Schönteich. Dem 51-Jährigen war im Vorfeld des Pokalendspiels schon anzumerken, dass die Saison mit der verpassten Meisterschaft in der Oberliga Hamburg extrem an ihm nagt. „Das ist der wohl größtmögliche Erfolg für die TuS Dassendorf und der Treffer in der Nachspielzeit war der größte Adrenalinkick meines Lebens. Ich bin ja schon ein paar Jahre dabei: Aber besser kann man es nicht machen. Ich bin immer noch total durchzogen von Glücksgefühlen – und das wird hoffentlich auch noch ganz, ganz lange anhalten. Über dieses Ereignis werden wir wohl noch Jahrzehnte lang lächeln“, beschrieb der Sportchef seine Gefühlswelt eine gute Stunde nach Abpfiff im Kabinengang. Bevor es für Schönteich auf den Weg zum heimischen Wendelweg ging, um dort gemeinsam mit der vereinseigenen zweiten Herren deren Meisterschaft und den eigenen Pokalsieg ausgiebig zu feiern, genoss der Sportchef den Moment der Ruhe im Bauch des Stadions an der Hoheluft und ließ die Eindrücke vom Spiel und die gesamte abgelaufene Spielzeit Revue passieren.

„Ich glaube tatsächlich, dass unsere Spielvorbereitung besser war, als die von Norderstedt.“

Jean-Pierre Richter zeigte sich nach dem gewonnenen Finale sehr emotional. Foto: Herzog

„Wenn Norderstedt das zweite Tor macht, wird das ein ganz enges Höschen für uns. So lange wir aber nur mit einem Tor in Rückstand liegen, sind wir immer noch eine der besten Mannschaften Hamburgs – und dann glaubt man immer noch dran: Wir können es“, schilderte Schönteich, um anschließend den Titelgewinn einzuordnen. „Der Titel ist höher zu bewerten, weil wir in der Meisterschaft nicht das erreicht haben, was wir erreichen wollten. Es war insgesamt ein echt anstrengendes Jahr war. Von Beginn an mit den Spielen gegen den HSV und gegen Duisburg und vom Drumherum, was wir da alles hatten – was eher belastend war. Es lief ja nie richtig rund – die ganze Saison nicht. Dieser Titel wischt jetzt natürlich vieles weg – aber auch hieraus müssen wir unsere richtigen Schlüsse ziehen“, bilanzierte der Vereinsoffizielle. Im Vorfeld dieses Finales wurde viel darüber gesprochen und spekuliert, wie genau die letzte Stunden auf beiden Seiten vor dem Endspiel verbracht werden – für Schönteich ein entscheidender Faktor in der Nachbetrachtung. „Ich glaube tatsächlich, dass unsere Spielvorbereitung besser war, als die von Norderstedt, die abends gemeinsam essen waren und im Hotel geschlafen haben – da haben sie vielleicht etwas überdreht. Wir haben vieles richtig gemacht in der Vorbereitung auf diese Partie. Unser Fokus war sehr geschärft, das habe ich schon bei der Begrüßung um 8.15 Uhr auf der Anlage gesehen – das Brennen war da und da war klar: Die TuS Dassendorf liefert!“, betonte der ehemalige Trainer des SC Vier- und Marschlande und des FC Voran Ohe.

Bevor Schönteich sich dann auf den Weg in Richtung Wendelweg machte, blickte er abschließend voraus auf die ersten Hauptrunde im DFB-Pokal und dem großen Thema eines attraktiven Wunschgegners. „Ich bin nicht der Einzige in der Republik, der von den ganz großen Nummern träumt. Unsere Stadt wurde in den vergangenen Jahren nicht wirklich verwöhnt und auch wir hatten zwei Mal Pech – jetzt darf es mal gerne die Kategorie Dortmund, Schalke, HSV oder auch Köln sein. Es muss nicht der ganz große Volltreffer sein, aber es sollte bitte besser laufen als MSV Duisburg.“ So oder so wird auf Schönteich & Co. wieder die Stadion-Frage zukommen. „Wenn wir wieder in Bergedorf spielen, heißt es, dass es wieder Sandhaufen-Kategorie geworden ist. Das wollen wir alle nicht. Wenn es ein Gegner in der Kategorie Schalke 04 wird, gehe ich davon aus, dass wir am Millerntor spielen. Aber um mit den Planungen zu starten, müssen wir die Auslosung (DFB-Pokalauslosung 1. Hauptrunde findet am 15. Juni 2019 statt, Anm. d. Red.) abwarten“, erklärte der Sportchef, auf den und seine TuS Dassendorf mit dem erneuten Highlight DFB-Pokal auch wieder eine, wie von Schönteich selbst beschrieben, anstrengende Saison warten dürfte.

Eine Bildergalerie zum ODDSET-Pokalfinale 2019 von Maurice Herzog: