Pokal-Krimi: Der SVA IV dreht das Spiel, unterliegt aber nach packenden 120 Minuten gegen den SCS VI

Die Emotionen hätten nicht anders sein können: Während Philipp Mohr (li.) enttäuscht am Boden kniet, bejubelt der SCS das 5:3. Foto: Herzog

SV Altengamme IV – SC Sternschanze VI 3:5 n.V. (2:1, 3:2)
Heino-Gerstenberg-Spiele, Finale (Mi., 29.05.19, 19.00 Uhr)

„Kühe, Schweine, Dorfvereine!“, hallte es zwischen den Wohnhäusern, als die Anhänger des SV Altengamme IV aus den extra organisierten Fan-Bussen stiegen und sich zum Sportplatz des USC Paloma an die Brucknerstraße begaben. Dort angekommen, waren auch jede Menge Zuschauer des SC Sternschanze VI zugegen, die wiederum ihr Team supporten wollten. Der Rahmen für das Finale der Heino-Gerstenberg-Spiele konnte also nicht besser sein. Eine Portion extra Motivation für die Spieler auf dem Platz könnte man meinen? Dabei benötigten die Protagonisten diese gar nicht. Beide Teams spielten eine erfolgreiche Saison und konnten diese jetzt mit dem Pokalsieg krönen. Während der SCS den fünften Platz in der Kreisklasse 1 erreichte, war die Partystimmung der Viertvertretung der Altengammer gerade erst wieder am Abklingen. Meister in der Kreisklasse B und Aufstieg in die Kreisklasse im ersten Jahr im Spielbetrieb des Hamburger Fußball-Verbandes – mehr geht (fast) nicht. Der Pokalsieg wäre jeweils das I-Tüpfelchen. Insgesamt also beste Voraussetzungen für dieses Endspiel.

Kahl mit einem Traumtor, Buck dreht das Spiel und lässt den SVA träumen

Dennis Kahl salutierte vor den eigenen Fans, die frenetisch den Ausgleich bejubelten. Foto: Herzog

Den besseren Start in die Partie erwischte der SCS. Kapitän Marlo Bergerhoff war plötzlich frei durch und ließ Landesliga-Leihgabe Alexander Golinske im SVA-Tor keine Abwehrchance (9.). Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, war aber eher ein Zufallsprodukt: Etwa an der Mittellinie drosch Dennis Kahl das Spielgerät in die gegnerische Hälfte. Der „Befreiungsschlag“ wurde länger und länger und schlug im Tor ein – der Ausgleich der Marke Traumtor und totale Eskalation auf Seiten der Altengamme Fans (14.). Doch als Zufall wollte Kahl das Tor nicht bewerten und sagte mit einem Augenzwinkern später: „Ich habe gesehen, dass der Torwart weit draußen stand. Ich bin nämlich ein Schlitzohr!“ Als ein Schlitzohr oder besser gesagt als ein guter Schütze erwies sich nach 38 Minuten auch Philip Buck. Einen Freistoß aus 18 Metern zirkelte er an der Mauer vorbei ins Netz, das Spiel war gedreht und die Freude unfassbar riesig auf den Rängen. Gemeinsam feierten Anhänger und Spieler auf dem Platz, als wäre der „Pott“ schon gewonnen – weit gefehlt.

Nach dem Seitenwechsel sahen die mitgereisten Altengammer nämlich nur noch ein Spiel in die Richtung ihres Torhüters Golinske. Die eigenen Kräfte neigten sich relativ schnell dem Ende entgegen und Sternschanze kam immer besser ins Spiel. Nach 68 Minuten machte sich die optische Überlegenheit auch im Spielstand bemerkbar. Der sehr agile Max Lorenz Kutschke brach über die rechte Seite durch und fand in der Mitte mit Fardin Ghaffari einen Abnehmer zum 2:2. In der Folge hielt der SVA dagegen, kämpfte, grätschte und sorgte auch mal wieder für Entlastung. Letzteres jedoch, ohne Torgefahr zu versprühen. Anders die „Schanzer“, die immer wieder am Strafraum auftauchten und Pech hatten, als Kutschke nur den Außenpfosten traf (82.). Nach 93 Minuten pfiff Schiedsrichter Florian Baum (ASV Bergedorf 85) die reguläre Spielzeit ab – es ging also in die Verlängerung.

Beim SV Altengamme IV wird die Luft immer weniger, SCS mit mehr Körnern in der Verlängerung

Altengamme war mittlerweile stehend k.o., versuchte über den Kampf das Spielerische weiterhin wett zu machen und traf tatsächlich zur Führung. Der eingewechselte Steffen Wegner verteilte einen Beinschuss am Strafraum und besorgte mit Hilfe des Innenpfostens das 3:2 in der zweiten Minuten der Verlängerung. Diese Führung hielt auch noch bis fünf Minuten nach der Pause der „Overtime“, aber dann war die Luft endgültig raus. Die jungen, spritzigen Spieler von Sternschanze hatten dagegen noch die zweite Luft und trafen noch drei Mal ins Herz der Altengammer. In der 110. Minute trug sich Laurin Bodo Windeknecht mit seinem Treffer zum 3:3 in die Torschützenliste ein, Kutschke sorgte sieben Zeigerumdrehungen später für die zweite Führung des SCS in diesem Finale (117.) und Bergerhoff setzte in der Schlussminute mit seinem zweiten Tor zum 5:3-Endstand nach 120 Minuten den Schlusspunkt in einem ansehnlichen und unterhaltsamen Pokalfinale vor über 500 Zuschauern.

Der Moment der Pokalübergabe: Der SC Sternschanze VI ist Sieger der Heino-Gerstenberg-Spiele 2019. Foto: Herzog

„Das ist unbeschreiblich!“, suchte Kutschke nach Worten für den Pokalsieg. „Ich hätte erst nicht gedacht, dass wir es machen. Aber in der Halbzeit habe ich gesagt, dass wir noch 4:3 gewinnen. Irgendwie absurd, aber jetzt haben wir sogar 5:3 gewonnen. Wir haben die ganze Zeit daran geglaubt und es durchgezogen. Altengamme hatte keine Power mehr, wir waren bis zum Ende spritzig!“, jubelte der Torschütze zum zwischenzeitlichen 4:3 und verschwand wieder in der jubelnden Menge. Freude auf der einen aber nicht wirklich Trauer auf der anderen Seite. Der SV Altengamme „Veer“ verdaute die Niederlage relativ schnell und resümierte treffend. „Wir waren kräftemäßig offen. Die zweite Halbzeit war eindeutig, wir sind gar nicht mehr raus gekommen. Das 2:2 lag jetzt nicht in der Luft, aber ist dann gefallen. Am Ende war Sternschanze auch offen, hatte aber ein paar Körner mehr und macht dann die Tore“, analysierte Keeper Alexander Golinske. Der Trainer des SVA IV, Michael Nolting, schlug in die gleiche Kerbe. „Bei uns sind diverse Spieler mit Schmerzen aufgelaufen, sie haben aber alles gegeben und sich durchgebissen. Ich bin nicht enttäuscht, sondern absolut stolz auf die Mannschaft und auf das Erreichte. Jetzt fahren wir ins Vereinsheim und feiern“, sagte der Coach, ehe sich seine Spieler, das Trainerteam und die zahlreichen Fans auf den Weg an den heimischen Gammer Weg machten und eine zweifelsohne erfolgreiche erste Spielzeit feierten – auch ohne Pokalsieg.

SVA IV: Golinske; Sohrt, Lütten, Beckmann, Voß; Kücken (71. Wegner), B. Timmann (112. Peters), Wulff (118. Mohr), Buck (80. J. Timmann); Kiehn, Kahl
SCS VI: Albert; Ghaffari, Reller, Windeknecht, Hödl; Cisse (98. Haji), Schuleit (67. Haase), Holst (101. Hartmann), Kutschke (118. Dahaba); Bergerhoff, Zupanic

Eine Bildergalerie von Maurice Herzog: