Wulff genießt Vertrauen: „Ein Punkte-Ziel oder gar ein Ultimatum wurde nicht mit einer Silbe angesprochen!“

Hatte in dieser Saison schon einiges an der Seitenlinie zu Hadern: SVCN-Trainer Matthias Wulff (rechts: Co-Trainer Ingo Carstensen). Foto: Herzog

Eine eigene Führung und der SV Curslack-Neuengamme: Das passt in der laufenden Oberliga-Spielzeit (noch) nicht zusammen. Bereits fünf Mal verspielte das Team von Cheftrainer Matthias Wulff einen Vorsprung und steht somit nach zehn absolvierten Begegnungen mit nur neun Punkten auf dem 13. Tabellenplatz – anstatt sich in Tuchfühlung zum angestrebten siebten Rang zu befinden. Eine Trainerdiskussion ist bei den Vierländern dennoch kein Thema. „Matthias (SVCN-Trainer Matthias Wulff, Anm. d. Red.) und sein Trainerteam genießen nach wie vor unser vollstes Vertrauen. Wir stehen zu hundert Prozent hinter dem eingeschlagenen Weg und haben keine Sekunde an ihm gezweifelt“, erstickt SVCN-Manager Oliver Schubert auf BOLZJUNGS-Nachfrage eine Trainerdiskussion im Keim. Wir haben uns nach dem ersten Saisondrittel mit dem Curslacker Übungsleiter über die aktuelle Situation am Gramkowweg unterhalten. Was Wulff zu den verspielten Führungen, Personalproblemen, ein angebliches Punkte-Ziel und die Stimmung im Team zu sagen hat, lest ihr im Interview.

BOLZJUNGS: Hallo Matthias, von zehn absolvierten Partien habt ihr in fünf Begegnungen einen Vorsprung noch abgegeben – zwei Mal davon sogar eine 3:1-Führung. Wieso lasst ihr euch aktuell trotz eines Vorsprungs noch aus der Bahn bringen?
Matthias Wulff: Wir haben in dieser Saison tatsächlich schon diverse irrsinnige Spielverläufe erlebt. Wenn man bedenkt, dass unser Punktekonto bis Minute 80 bei 16 statt neun Punkten stehen würde, ist es schon ein verrückter Saisonverlauf. Eine pauschale Begründung für diese späten Gegentore greift sicher zu kurz, man muss jedes Spiel und jedes Gegentor einzeln betrachten, analysieren und daraus lernen. Diesen Ansatz verfolgen wir auch weiterhin.
BOLZJUNGS: Vor der Saison hattest du uns erzählt, dass ihr aufgrund von Verletzungen und Urlaubern noch nicht bei einhundert Prozent seid. Zieht sich diese unbefriedigende Situation durch den bisherigen Saisonverlauf?
Wulff: Das ist ganz sicher ein großes Problem, was zu unserer momentanen Situation beigetragen hat. Es gibt Spieler, die den normalen Vorbereitungsverlauf mit körperlichen Einbrüchen im bisherigen Saisonverlauf durchgemacht haben. Viele Jungs konnten nicht die notwendigen Körner in der Vorbereitungszeit aufbauen. Gepaart mit der Situation, dass wir aufgrund der vielen Langzeitverletzten auch heute kaum rotieren bzw. reagieren können, ist es sicher ein Teil der Erklärung unserer späten Gegentore.
BOLZJUNGS: So steht ihr aktuell auf dem 13. Tabellenplatz und seid nur einen Zähler von den Abstiegsrängen entfernt – obwohl ihr mit Marco Schubring den besten Torjäger (13 Treffer) in der Oberliga Hamburg in euren Reihen habt. Das Wort ‚Abstiegskampf‘ hast du selbst bereits in den Mund genommen. Als wie ernst betrachtest du die derzeitige Lage bei euch am Gramkowweg?
Wulff: Inzwischen ist das erste Drittel der Saison gespielt und wir stecken mitten im Tabellenkeller. Natürlich haben wir einige Spiele unglücklich verloren und trotz der mageren Ausbeute in vielen Spielen zumindest phasenweise mitreißenden Fußball gespielt. Und dennoch: Die Tabelle lügt nach elf Spieltagen – wobei wir ‚erst‘ zehn Partien absolviert haben – nicht. Diese Situation müssen wir annehmen.
BOLZJUNGS: Rein vom Potenzial her habt ihr in dieser Spielzeit eine Mannschaft, mit der man das Wort ‚Abstiegskampf‘ nicht assoziieren würde. Was sind aus deiner Sicht die Gründe für den derzeitigen Misserfolg und hast du den Eindruck, dass alle deine Spieler verstanden haben, dass die Uhr geschlagen hat?
Wulff: Personell betrachtet haben wir neben Benjamin Bambur und Oliver Franz vor dieser Saison wieder ganz bewusst auf junge Talente aus unserer direkten Umgebung gesetzt. Die jungen Wilden wie beispielsweise Moritz Kühn, Tim Schmidt oder Yanneck Schlufter haben bereits erste tolle Entwicklungsschritte gemacht, aber selbstverständlich gehören auch gewisse Lernkurven zu diesem Entwicklungsprozess. Dafür bekommen sie unsere volle Rückendeckung und Unterstützung – auch in schwierigen Phasen.
Problematisch hingegen ist der Ausfall von diversen Leistungsträgern aus der vergangenen Saison: Marvin Schalitz, Arnold Lechler, Julian Künkel und Mark Brudler standen uns noch fast gar nicht zur Verfügung. Benjamin Bambur, Jan Bannasch, Gökhan Iscan, Hamed Mokhlis, Mike Beldzik, Till Witmütz oder Stjepan Radic hatten bereits alle längere Ausfallzeiten in dieser Saison. Das ist nur schwer aufzufangen.
Die Gefahr ist natürlich da, dass man sich durch die unglücklichen Spielverläufe und teilweise guten Leistungen täuschen lässt. Darüber haben wir mit den Jungs gesprochen und den Eindruck gewonnen, dass jeder den Antrieb verspürt noch mehr zu investieren, um Ergebnisse einzufahren.
BOLZJUNGS: Apropos Uhr: Wenn es für Mannschaften nicht gut läuft, stehen automatisch die Trainer in der Diskussion. Es wurde übermittelt, dass es bereits ein Gespräch zwischen dem Trainerteam und dem Vorstand gab und ihr euch angeblich auf ein Ziel von neun Punkten im Oktober geeinigt habt. Was kannst du zu dem Gespräch sagen und machst du dir ernsthafte Gedanken, dass deine Zeit als Cheftrainer beim SVCN bald ablaufen könnte, wenn die Ergebnisse ausbleiben?
Wulff: Das viel zitierte Gespräch war lediglich ein normaler Austausch zwischen Trainerteam und Vereinsführung. In dieser Runde sitzen wir planmäßig alle vier bis sechs Wochen zusammen und tauschen uns aus. Auch am vergangenen Donnerstag haben wir die Situation besprochen und analysiert. Hartmut Helmke (1. Vorsitzender des SVCN, Anm. d. Red.) und Oliver Schubert (SVCN-Manager, Anm. d. Red.) haben uns in diesem Gespräch weiterhin die volle Rückendeckung zugesichert und uns vermittelt, dass man von unserem Weg überzeugt ist. Dies wurde anschließend auch der Mannschaft mitgeteilt. Ein Punkte-Ziel oder gar ein Ultimatum wurde nicht mit einer Silbe angesprochen. 
BOLZJUNGS: Dein jahrelanger Vorgänger Torsten Henke steht euch schon länger als Sportlicher Berater zur Seite. Hast du auf seine Erfahrung und Expertise in den vergangenen Tagen zurückgegriffen und das Gespräch mit ihm gesucht?
Wulff: Henko (Sportlicher Berater Torsten Henke, Anm. d. Red.) und ich sprechen regelmäßig – das ist unabhängig von Ergebnissen. Wir sind nicht immer derselben Meinung und diskutieren gerne unsere unterschiedlichen Auffassungen. Diesen Input nehme ich sehr gerne auf. Eines einigt uns aber immer: Der Verein steht für uns im Mittelpunkt.
BOLZJUNGS: Am Wochenende geht es zum achtplatzierten SC Concordia Hamburg. Danach warten aber mit dem TSV Buchholz 08, SV Rugenbergen, TuS Osdorf und dem Meiendorfer SV Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte. Mit welcher Herangehensweise bzw. Marschroute geht ihr in die kommenden Aufgaben?
Wulff: Es geht darum, aus den bisherigen Spielen zu lernen und begangene Fehler zukünftig zu vermeiden. Weiterhin müssen wir unsere Offensivpower beibehalten und die defensive Stabilität verbessern. Für beide Aufgaben benötigen wir elf Spieler auf dem Platz. Und selbstverständlich werden wir die kommenden Wochen ohne Freitagsspiele und englische Wochen nutzen, damit jeder noch ein paar Körner aufbaut, um auch in den letzten zehn Minuten zu bestehen. 
BOLZJUNGS: Nimm uns mal mit in den Kabine und verrate uns, wie es zurzeit stimmungstechnisch bei euch aussieht?
Wulff: Wir haben unabhängig von der sportlichen Situation eine sehr positive Stimmung in der Trainingskabine. Charakterlich haben wir auch in dieser Saison einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Das ist eine wichtige Basis für sportlich schwierige Situationen. Aber natürlich sehnen sich alle danach, schnellstmöglich wieder ein Siegerbierchen oder eine ‚Sieger-Capri-Sonne‘ in der Kabine zu trinken.
BOLZJUNGS: Zwei Drittel der Saison sind noch zu absolvieren und die Tabellenkonstellation ist noch eng – von Rang 16 zu Platz zehn beträgt der Abstand nur fünf Punkte. Was stimmt dich positiv, dass ihr schnellstmöglich die Kurve bekommt und in absehbarer Zeit nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun habt?
Wulff: Ich glaube nicht, dass man davon ausgehen sollte, bereits in absehbarer Zeit nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben. Es ist durchaus möglich, dass es ein langer und kräftezehrender Weg wird. Auch wenn es auf der personellen Seite keine kurzfristige Entspannung geben wird, gibt es viele Faktoren die mich positiv stimmen. Allen voran: Die Einigkeit über den gemeinsamen Weg zwischen Vereinsführung, Trainerteam und Mannschaft. 
BOLZJUNGS: Vielen Dank für das Gespräch, Matthias! Wir wünschen dir und dem SVCN weiterhin viel Erfolg für die laufende Saison.